Joshua Folkerts

Kontakt

Joshua Folkerts

Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Kollegiat
DFG-Graduiertenkolleg „Deutungsmacht"
Universität Rostock
Universitätsplatz 5
D-18055 Rostock
Tel. +49 (0)381-498-8465
E-Mail: Joshua.Folkertsuni-rostockde

Forschungsinteressen

Forschungsinteressen

Politische Theorie

Ideengeschichte

Demokratietheorie

Sozialstaatstheorie

Deutungsmachttheorie

Mythentheorie

Werdegang

Werdegang

Seit November 2018 Promotion im Fach Politikwissenschaft

2015–2017 Studium der Politischen Wissenschaft und Geschichte (Master) an der Universität Heidelberg

WiSe 2016/17 Erasmus-Auslandsaufenthalt an der Aarhus Universitet Dänemark

2011–2015 Studium der Politischen Wissenschaft und Geschichte (Bachelor) an der Universität Heidelberg

 

Anstellungen

Anstellungen

Seit November 2018 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Graduiertenkolleg Deutungsmacht

Seit SoSe 2020 Lehrbeauftragter am Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften, Universität Rostock

SoSe 2018 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte, Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften, Universität Rostock

SoSe 2016 und 2017 Tutor für Politische Theorie am Institut für Politische Wissenschaft, Universität Heidelberg

Publikationen, Lehre und Vorträge

Publikationen, Lehre und Vorträge

Publikationen

Folkerts, Joshua (2020 i.E.): Zur Theorie der Deutungsmacht. Eine ideengeschichtliche Erkundung in klassischen und modernen Machttheorien, in: Zeitschrift für Politische Theorie 11: 2 (angenommen, peer-reviewed).

Folkerts, Joshua (2019): Der Diskurs des Englischen Bürgerkriegs als Konflikt um Deutungsmacht. Die Rolle des politischen Mythos in den Schriften der Levellers und Robert Filmers, in: Leviathan 47: 3, S. 354–374 (peer-reviewed). (Link)

Folkerts, Joshua (2019): Zur Ideengeschichte einer ungeschichtlichen Theorie. John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit im diskursiven Kontext der Geschichte, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 105: 1, S. 68–87 (peer-reviewed). (Link)

Folkerts, Joshua (2018): Rezension: Jason Brennan: Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen, in: Zeitschrift für Politik 65: 4, S. 471–474. (Link)

Lehre

WiSe 2020/21: Seminar „Klimawandel, Umweltbewegung und ziviler Ungehorsam“, Politikwissenschaft (B.A.), Universität Rostock

SoSe 2020: Seminar „Deutungen der Demokratie. Demokratietheorie im historischen Kontext ihrer Zeit und die Frage nach der Anwendbarkeit auf heutige Probleme“, Politikwissenschaft (B.A.), Universität Rostock

SoSe 2018: Seminar „Demokratietheorie und Demokratiekritik. Vom antiken Griechenland bis zu Crouchs Postdemokratie“, Politikwissenschaft (B.A.), Universität Rostock

SoSe 2018: Vertretung der Vorlesung „Glaube und Politik I“ von Prof. Yves Bizeul zum Thema politischer Mythos (28.06.2018), Universität Rostock

Vorträge

Folkerts, Joshua (2020): Interpretations of social questions through time: Epistemological and normative implications for state welfare, Second Amsterdam Graduate Conference in Political Theory (29.05.2020), Online-Konferenz

Folkerts, Joshua/Rohde, Ronny (2019): Probleme und Perspektiven politikwissenschaftlicher Deutungsmacht am Beispiel der Extremismustheorie, Thementagung der DVPW: „Wie relevant ist die Politikwissenschaft? Wissenstransfer und gesellschaftliche Wirkung von Forschung und Lehre“ (13.12.2019), Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main

Folkerts, Joshua/Stiehm, Linda (2019): „Gar nichts muss ich!“ Zur philosophischen Legitimation von Klimastreiks, Klimawoche der Universität Rostock (25.11.2019)

Folkerts, Joshua/Stiehm, Linda (2019): „Gar nichts muss ich!“ Über die Legitimität, sich nicht an den Gesellschaftsvertrag zu halten oder: Warum der Staat die Pflicht hat, attraktiv zu sein, VII. Tagung für Praktische Philosophie (26.09.2019), Universität Salzburg

Folkerts, Joshua/Götze, Tobias (2019): Wie viel Skepsis braucht die Streitkultur? Chancen und Grenzen des Zweifels, Seminar auf dem Nachwuchsforum „Streitkulturen. Deutungsmachtkonflikte zwischen Konsens und Zerwürfnis“ des Graduiertenkollegs „Deutungsmacht“ (11.09.2019), Universität Rostock

Folkerts, Joshua (2019): The Father of the Leviathan. Perspectives on Thomas Hobbes’ Political Theory Through Time: from Monarchist to Totalitarian to Harbinger of Liberalism, Konferenz „Villains! Constructing Narratives of Evil“ des International Graduate Center for the Study of the Culture (08.02.2019), Justus Liebig Universität Gießen

 

 

Die Deutungsmacht sozialer Fragen in der Geschichte und der Einfluss idealistisch-sozialreformerischer Ideen auf die Sozialstaatlichkeit in Deutschland

Ein Beitrag zur Deutungsmachttheorie und zur Ideengeschichte der Sozialstaatlichkeit

Nach der noch immer maßgeblichen Typologie Gøsta Esping-Andersens ist Deutschland als konservativer Sozialstaat einzuordnen. Allerdings lassen sich, so Manfred G. Schmidt, an ihm bei genauerer Betrachtung auch Elemente anderen Typs feststellen. Für eine differenzierte Ideengeschichte der deutschen Sozialstaatlichkeit gilt es deshalb, sowohl den konservativen Anteil als auch die anderen Elemente zu analysieren. Zu fragen wäre demnach: Worin liegt die Spezifikation der deutschen Sozialstaatlichkeit begründet? Welchen Ideen und Einflüssen war ihre Entstehung ausgesetzt? Und: Welche Deutungen der sozialen Frage lagen ihnen zugrunde?

Ihren Ausgangspunkt nahmen sozialstaatliche Konzeptionen im Deutungsmachtkonflikt um die Lösung der sozialen Frage im Diskurs der Revolutionen von 1848. Im Zuge der ‚Entdeckung‘ der Ungleichheit durch den französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert und der Auswirkungen der Industriellen Revolution wurde die soziale Frage aufgeworfen. Durch die Revolutionen von 1848 konstituierte sie sich unwiderruflich als Teil des politischen Felds. Von den Deutungen der revolutionären Ereignisse und ihrer Gründe hängt dabei maßgeblich ab, welche (sozialen) Probleme überhaupt wahrgenommen werden und welche Handlungsoptionen erwogen werden können. Denn Deutungen sind keineswegs nur beliebige, jederzeit bewusst zu ändernde Interpretationen. Sie beeinflussen maßgeblich das Überzeugungssystem der von ihnen betroffenen Menschen. Sie lassen und machen bestimmte Dinge sehen. Deutungsmacht als ‚weiche‘ Machtform wirkt modal auf die Handlungen von Menschen, indem sie epistemische und normative Deutungen vorgibt, die den Raum vorhandener Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsoptionen aufspannen. Die durch sie transportierten Ideen legen im weberschen Sinne die ‚Schienen‘, in denen Handlungen als möglich oder unmöglich erscheinen. Sie wirkt als Ermöglicher oder Verunmöglicher, indem sie bestimmte Optionen überhaupt erst in den Bereich der Wahrnehmung rückt.

Der Diskurs um 1848 stellte einen Wendepunkt in der Deutung des Sozialen dar, weil die soziale Frage als kollektive und gesellschaftliche Angelegenheit interpretiert wurde. Damit hoben die diskutierten Ansätze sich von vormals hegemonialen Überzeugungssystemen ab. In der antik-athenischen Polis wurde die soziale Frage etwa vordringlich als politische Partizipationsfrage der Vollbürger gedeutet. Durch Landverteilung und Diäten sollte die Beteiligung an der Demokratie ermöglicht werden. Demgegenüber stand der Großteil der Bevölkerung aus Frauen, Sklaven und Metöken, deren Anliegen nicht in den Diskurs der sozialen Frage fielen und von der Politik ausgeschlossen waren. Im Mittelalter waren die von sozialen Armutsproblemen Betroffenen in die rigide Gesellschaftsordnung integriert. Im hegemonialen christlichen Überzeugungssystem wurde ihre Armut jedoch als gottgewollt gedeutet. Die resultierende kirchliche Armenfürsorge sowie die christliche Heilsökonomie konnte daher lediglich die Linderung, nicht jedoch die Beseitigung der Probleme beabsichtigen. Mit der Neuzeit erlangten zunehmend liberale Deutungen Macht, welche die soziale Frage als rein individuelles Problem verstanden. Vor dem Hintergrund von Kontraktualismus, Possessivem Individualismus und Protestantischer Arbeitsethik sowie im Zusammenspiel mit den entstehenden Nationalstaaten setzte eine Zwangsdisziplinierung der Armen ein, die zu Arbeit und Eigentumserwerb angehalten werden sollten.

Im Folgenden soll es um die Nachzeichnung einer spezifischen Deutung der Sozialstaatlichkeit gehen, die sich von der Staats- und Gesellschaftstheorie Hegels im Deutschen Idealismus über das soziale Königtum Steins im Kontext der Revolutionen 1848 sowie die Schule der Kathedersozialisten im Deutschen Kaiserreich bis hin zu den Bismarckberatern Lohmann und Wagener zieht und schlussendlich Eingang in den Diskurs um und die Ausgestaltung des deutschen Sozialstaats fand. Eine Deutung soll also von ihren in Hinblick auf den Themenbereich noch unspezifischen Wurzeln in ihrer Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte verfolgt werden. Dabei ist nicht beabsichtigt, umfassende Interpretationen der Gesamttheorien untersuchter Autoren vorzuschlagen, sondern lediglich den Anteil sozialstaatlicher Überlegungen und Konzepte innerhalb der vollständigen Ideenwelt herauszuarbeiten und als Überzeugungssystem analytisch zu modellieren.

Staats- und Gesellschaftstheorie fand nicht nur eine mittlerweile schier unüberschaubare Behandlung in verschiedenen Fachwissenschaften. Der Hegelianismus bildet zugleich, so Hacke, vornehmlich durch die Vermittlung der Ritter-Schule die liberal-konservative ‚Normalphilosophie‘ (Hacke) der Bundesrepublik Deutschland. Die von Hegel vorgebrachten Deutungen zu Staat und Gesellschaft besitzen aber auch in Hinblick auf ihre Ansätze zur Sozialstaatlichkeit Relevanz. Sie wurden insbesondere durch die Anwendung Lorenz von Steins, der als ‚Sachverwalter Hegels im 19. Jahrhundert‘ (Blasius) gelten kann, auf die soziale Frage im Diskurs der Revolutionen von 1848 in den sozialstaatlichen Diskurs aufgenommen. Diese Linie lässt sich von Stein aus weiterzeichnen und verläuft erstens über die Kathedersozialisten und den Verein für Socialpolitik im Deutschen Kaiserreich bis hin zu Bismarcks Beratern und schließlich einem ideellen Einfluss auf den Diskurs der Bismarck’schen Sozialgesetzgebung. Diese Linie ist Gegenstand der hier beabsichtigten Untersuchung. Dabei soll keineswegs konstatiert werden, dass irgendeine Form von hegelianischer idealistischer Sozialstaatlichkeit sich eindeutig identifizieren und sich als unverändertes Überzeugungssystem bis zur Sozialversicherungsgesetzgebung des Kaiserreichs nachzeichnen ließe. Vielmehr liegt das Sichtbarmachen von durch sich verändernde Diskurse und den Eindrücken verschiedener historischer sowie materieller Faktoren geprägten Kontinuitäten wie auch Brüchen im Interesse der Arbeit.