Koordinator

Tobias Götze

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Anthropologie als Feld von Deutungsmachtkonflikten

Wer sich einen Überblick über die Produktivität der Lehre vom Menschen verschaffen will, tut gut daran, sich der zahlreichen Variationen der Anthropina (Bestimmungen des typisch Menschlichen, vom homo amans bis zum zoon politikon) zu vergegenwärtigen. Deren Verschiedenheit kann als Index für die Deutungsbedürftigkeit des Menschen gesehen werden und wird besonders dann prekär, wenn deren jeweilige Geltungsansprüche sich gegenseitig ausschließen. Die sich dann ergebenden Spannungen zwischen verschiedenen Deutungen entladen sich – so die These – in dem Forschungsfeld der philosophischen Anthropologie, womit sie sich historisch und in ihrer aktuellen Renaissance (wesentlich erklärbar durch die Thesen der Neurowissenschaften) als Austragungsort von Deutungsmachtkonflikten begreifen lässt. Voraussetzung für diese These ist, dass es die Anthropologie nicht mit dem einen definierbaren Wesen, sondern mit vielzähligen Deutungen des Menschen zu tun hat. Dem liegt wiederum eine Unbestimmbarkeit des menschlichen Wesens zugrunde, die in meinem Projekt unter dem Stichwort der „Negativität“ erforscht wird. Die „negative Anthropologie“ beinhaltet dann nicht nur einen agnostischen Gestus der Zurückweisung totalitärer Definitionsvorhaben, indem sie (gleich der Negativen Theologie in Bezug auf Gott) von der Unbestimmbarkeit des Menschen spricht. Vielmehr soll erörtert werden, inwiefern eine Vielzahl der philosophischen Anthropologen in der Privilegierung von Vermögen des Menschen (potentia activa) sein Wesen auszumachen meinte und wie mit einer „Negativik“ als Lehre der konstitutiven Entzugsmomente (potentia passiva) des Menschen eine Zwischendimension eröffnet wird, die methodische Engführungen auf Wesensfragen vermeiden kann.