Tim Fritjof Huttel

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Tim Fritjof Huttel

Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Kollegiat
DFG-Graduiertenkolleg „Deutungsmacht"
Universität Rostock
Universitätsplatz 5
D-18055 Rostock

Tel.: +49 381 49 88 469
E-Mail: tim.huttel@uni-rostock.de

»Personale Deutungsmacht. Die ethische Freiheit des Einzelnen« (AT)

Abstract

Entgegen der Lesart, Bernard Williams hätte mit seinem Werk nur eine Reihe kritischer Kommentare zu den ethiktheoretischen Entwürfen anderer hinterlassen, vertrete ich in meiner Dissertation die These, dass seine ‚unreine Philosophie‘ im Gegenteil aus dem Widerspruch von persönlichem und unpersönlichem Standpunkt herausführt, an dem Ethiktheorien üblicherweise unplausibel oder uninteressant werden.

Es gibt wohl wenig Fragen, die, wo sie ernstgenommen werden, von größerer persönlicher Bedeutung sind als die Grundfrage der Ethik, was soll ich tun? bzw. wie soll ich leben? (Beide Fragen stellen sich natürlich auch im Plural, weshalb letztlich auch Politik als Teilbereich der Ethik betrachtet werden kann.) Der Gedanke, dem diese Arbeit nun folgt, ist, dass deshalb auch die Beantwortung dieser Fragen im Geben und Nehmen von Deutungen, Nachfragen, Ratschlägen und Begründungen dem personalen Moment einen gewissen Raum geben muss. Es muss auch in der Ethiktheorie einen Unterschied machen, wer es ist, der sich berät, und wie sich die Beratenden in die Beratung einbringen. Das personale Moment des Ethischen scheint jedoch noch immer eher von der Rhetorik als von der philosophischen Ethiktheorie berücksichtigt zu werden.

Wenn sich philosophische Ethiktheorien der Frage, was zu tun oder wie zu leben ist, zuwenden, bringen sie oft alles Situative und Persönliche zum Verschwinden. Meist nicht nur, weil sie verallgemeinern, abstrahieren und idealisieren, sondern weil sie Personenspezifisches gerade als Grund ausschließen wollen.  Diese Theorien wollen einen Vorrang des unpersönlichen Standpunkts zementieren, den ich in meiner Arbeit anhand von Platos Höhlenexodus, Humes und Smiths idealem Beobachter, vor allem aber Habermas‘ idealer Sprechsituation und Rawls‘ Ursituation untersuche. Von diesem Standpunkt aus entfalten sich Theorien, die konkrete Werte oder praktische Begriffe (sollen, müssen, Grund, Pflicht usw.) verbindlich zu klären versprechen, aber auch sicherstellen, dass die meisten Menschen, die sich fragen, wie sie leben sollen, sich nicht an Philosophen wenden.

Umgekehrt gibt es Ethikansätze, die den Ballast systematischer Ethiktheorie ganz über Bord werfen, um einen konsequent erstpersönlichen Zugang zum Leben zu wählen und die daher der Rhetorik gegenüber der Philosophie, der subjektiven Meinung vor der begründeten „Wahrheit“ kurzerhand den Vorzug geben. Hierfür stehen in meiner Arbeit die Ansätze Nietzsches und Arendts, die gerade in ihrer radikalen Ablehnung normativer Ethik uns nicht mehr viel zur Rechtfertigung widerstreitender Weltauslegungen oder zur Beantwortung moralischer Fragen sagen können, die wir uns ja schließlich doch auch stellen, wenn wir uns fragen, was zu tun ist.  

Es gibt keine konsistente und befriedigende ethiktheoretische Perspektive, die eine Entscheidung zwischen persönlichem und unpersönlichem Standpunkt voraussetzt. Sofern wir umfassend als lebendige Personen am ethischen Diskurs unserer Epoche teilnehmen, was wir praktisch nicht unterlassen können, bedarf es einer Integration beider Standpunkte. Zu dieser Integration leistet Williams‘ Werk einen unverzichtbaren Beitrag. Sein Verdienst ist es nicht nur, den Gedanken des unpersönlichen Standpunkts über eine wertpluralistische Perspektive mit seiner nietzscheanischen Wertschätzung des Lebens verbunden zu haben. Er hat zudem über seine Deutung praktischer Grundbegriffe (sollen, müssen, Grund, Pflicht usw.) ein anderes Verständnis sowohl unserer ethischen Freiheit offengelegt als auch unserer Rolle innerhalb des ethischen Beratens darüber, wie diese Freiheit auszuleben ist.

Forschungsinteressen

Forschungsinteressen

  • Ethische Freiheit, freie Rede und personale Deutungsmacht
  • Beratung als Schnittstelle von Ethik und Rhetorik
  • Wertpluralismus
  • Moralkritik, moralischer Relativismus, Skeptizismus, Nihilismus
  • Anthropologie und Ethik in der Rhetoriktheorie
  • Deliberative und agonale Demokratietheorie
  • Anerkennungstheorie
  • Tugendethik
  • Politische Repräsentationstheorie
  • Politische Theologie

 

Bisheriger Werdegang

Bisheriger Werdegang

Seit April 2020 Wissenschaftlicher Mitarbeiter/ Kollegiat am DFG-Graduiertenkolleg 'Deutungsmacht', Universität Rostock

2016 bis 2017 Chaos and Formalities Officer beim Zentrum für Politische Schönheit, Berlin

2013 bis 2019 Politische Theorie - Masterstudium/ Goethe-Universität Frankfurt, TU Darmstadt, University of Toronto

  • Masterarbeit: Rhetorik und die politische Geltung der Person

2013 bis 2018 Religionsphilosophie - Masterstudium/ Goethe-Universität Frankfurt

  • Masterarbeit: Eschatologisierende Hegel-Lektüren. Von Dilthey bis Löwith

2010 bis 2013 Politikwissenschaft - Bachelorstudium/ Universität Leipzig, Universitat Autònoma de Barcelona

  • Bachelorarbeit: Ein Präsident im Pyjama und Gorillas in Zivil. Der Putsch in Honduras 2009 in spieltheoretischer Betrachtung

2009 bis 2013 Soziologie - Bachelorstudium/ Universität Leipzig, Universitat Autònoma de Barcelona

  • Bachelorarbeit: Fremdenfeindlichkeit und Schicht. Ein Theorienvergleich
Publikationen, Vorträge und Lehrveranstaltungen

Publikationen, Vorträge und Lehrveranstaltungen

Handbuchbeiträge

- "Schleier des Nichtwissens". In Rawls-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, herausgegeben von Johannes Frühbauer, Michael Reder, Michael Roseneck, Thomas M. Schmidt. Stuttgart: Metzler, 2022 (im Erscheinen).

- "Institution". In Rawls-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, herausgegeben von Johannes Frühbauer, Michael Reder, Michael Roseneck, Thomas M. Schmidt. Stuttgart: Metzler, 2022 (im Erscheinen).

- "Collected Papers". In Rawls-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, herausgegeben von Johannes Frühbauer, Michael Reder, Michael Roseneck, Thomas M. Schmidt. Stuttgart: Metzler, 2022 (im Erscheinen).

Rezensionen

- "Philosophie der Personalität in drei Syntheseversuchen.", Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 2022 (Im Erscheinen) - Rezension zu: Moritz von Kalckreuth, 2021, Philosophie der Personalität: Syntheseversuche zwischen Aktvollzug, Leiblichkeit und objektivem Geist. Meiner.

Vorträge

- "Ethos: Die Tugend im Erscheinen der Person". Tagung: Personen und Subjekte des Politischen. RWTH Aachen, 2022.

- "Creating internal reasons: Bernard Williams’ participatory notion of ethics". Workshop: Concrete inter-subjectivity: Ontological, ethical, political and linguistic inquiries regarding interaction. Universität Lissabon, 2021.

- "Zur Bestimmung der Rhetorik bei Arendt und Blumenberg". 13. Kolloquium junge Religionsphilosophie: "Entlastung vom Absoluten. Hans Blumenberg und die Folgen". Katholische Akademie in Berlin, 2020.

Lehrveranstaltungen

- "Menschenrechte im Gesundheitswesen", Alice Salomon Hochschule Berlin, SoSe 2022

- "Demokratie und Religion", Universität Rostock, SoSe 2022

- "Menschenrechte im Gesundheitswesen", Alice Salomon Hochschule Berlin, WiSe 2021/22