Ronny Rohde

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Ronny Rohde
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Kollegiat DFG-Graduiertenkolleg „Deutungsmacht"
Universität Rostock 
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D-18055 Rostock 
Tel. +49 (0)381-498-8473
ronny.rohde@uni-rostock.de

Das kollektive Gedächtnis als Gegenstand von Deutungsmachtkonflikten und Grundlage narrativer Identitätspolitik - Affirmationen und Revisionen des Schoah-Gedenkens in der Berliner Republik

Das Projekt nähert sich dem kollektiven Gedächtnis und seiner Konstruktion mittels der Deutungsmachtanalyse und versucht insbesondere zu bestimmen, inwieweit dieses eine Form symbolischer Macht konstituiert und im konkreten praktischen Politikfeld der Identitätspolitik innerhalb des Referenzrahmens der Berliner Republik wirksam wird. Die Dissertation setzt sich demnach wesentlich aus zwei Hauptblöcken zusammen. Einerseits geht es um eine interdisziplinäre Zusammenführung der bisherigen Forschungsansätze zum Bereich der kollektiven Identität und des ihm zu Grunde liegenden Gedächtnisses, wobei mit Blick auf die potentielle Machtförmigkeit von Deutungen als sinnzuschreibende kommunikative Praxis über die Konstruktions- wie auch Rezeptionsbedingungen vergangenheitspolitischer Imperative reflektiert und die hierbei zentrale Rolle des politischen Mythos herausgestellt werden soll. Wesentliche Bezugnahmen stellen hierbei u.a. die Gedächtnisforschung von Aleida Assmann und Jan Assmann, Grundlagen der Nationalismusforschung (Anderson u.a.), Beiträge der narrativen Psychologie (v.a. Jürgen Straub), aber auch Perspektiven der Geschichtsphilosophie, etwa von Paul Ricoeurs, aber auch der Kritischen Theorie dar. Unter dem Eindruck, dass das kollektive Gedächtnis intentional und flexibel konstruiert wird, also stets Repräsentanz intersubjektiver respektive politischer Intentionalität und Funktionalität ist, wird zunächst ein ideologiekritischer Zugang zu wählen sein, obgleich ebenso eine genauere Bestimmung des Verhältnisses vom Ideologie-Begriff zu jenem des belief systems im Kontext der Identitätskonstruktion eine weitere spannende Fragestellung aufwirft, welche dem Forschungsprojekt hilfreiche und relevante Perspektiven erschließen kann. Der zweite Block der Dissertation wiederum widmet sich im Konkreten der Berliner Republik als Raum einer „gesteigerte[n] Selbstthematisierung der Bundesrepublik“(Hacke/Münkler), deren Vorläufer beispielhaft im Historikerstreit oder der Bitburg-Affäre verortet werden können und etwa in Gestalt der Walser-Bubis-Debatte in der Berliner Republik ihre Fortsetzung finden. Die nachhallende Aktualität des Untersuchungsgegenstandes kann auch mit Blick auf das Auftreten der AfD oder Institutionen wie dem Institut für Staatspolitik und neuen rechten Organisierungsformen wie jenen der Identitären Bewegung etc. unterstrichen werden, welche allesamt ein politisches Primat der Identität und Geschichte formulieren. Es soll untersucht werden, welchen Stellenwert das Schoah-Gedenken als Referenzpunkt der darzustellenden Identitätsdiskurse einnimmt. Das Dissertationsprojekt soll eruieren, welche Formen der Rezeption der Schoah in den angedeuteten Selbstverständigungsdebatten Deutungsmacht erlangen konnten und inwieweit Auschwitz als historische und politische Chiffre tatsächlich ein wiedervereinigtes, bundesdeutsches Selbstverständnis prägt respektive einen konfliktiven Eckpfeiler und Deutungsmachtkonflikt solcher Debatten darstellt. Hierbei wird auch zu hinterfragen sein, ob tatsächliche Übereinkünfte hinsichtlich des nachwirkenden Einflusses der Schoah existieren oder die erinnerungspolitische Auseinandersetzung um die Bedeutung der Schoah als Charakteristikum fortwährt und ob Revisionen spezifischer Deutungsfolien ein Ende der Berliner Republik bedeuten oder nicht viel mehr logischer Bestandteil eines fortwährenden Aushandlungsprozesses historischer Sinnbildung darstellen. In diesem Rahmen wird sich gesellschaftspolitischen Debatten um das geschichtspolitische Selbstverständnis der Berliner Republik zu widmen und herauszustellen sein, wie die Chiffre Schoah mit verschiedenen Deutungen bis hin zu politischen Handlungsmaximen belegt und wirkungsmächtig wird und sich somit in einem permanenten Konfliktfall befindet, der beispielsweise angesichts der Debatten um die „Israelkritik„ oder außenpolitische Fragen(Kosovo-Krieg) durchaus manifest zu sein scheint, wobei vor allem die Beziehung zu hieraus resultierenden etwaigen Identitätspolitiken ausgeleuchtet werden soll. Hinsichtlich der hierbei zu untersuchenden Akteure gilt ein besonderes Augenmerk dem nationalkonservativen Diskurs, wobei die Entwicklung rechter Identitätsdiskurse in der Reibung an der Aufarbeitung der Vergangenheit im Allgemeinen nachgezeichnet werden soll und überdies überprüft werden muss, ob auf jene die Schoah betreffenden Erinnerungsdiskurse eine klassische links-rechts-Dichotomie angelegt werden kann. Im Allgemeinen muss gefragt werden, welche instrumentellen Zugriffe auf das Schoah-Gedenken existieren, welche Identitätsdispositive hierbei miteinander ringen und inwieweit diese auf die Mythenbildungsprozesse und Identitäsdiskurse der Berliner Republik einwirken. Unter dem Eindruck der Gedächtnistheorie Aleida Assmanns und ihrer Feststellung, dass das kollektive Gedächtnis für Momente der Erhöhung und der Erniedrigung gleichermaßen empfänglich sei, eine Täterperspektive in diesem Kontext jedoch keine soziale Relevanz erfahren kann wie auch ihrer These, dass von Auschwitz womöglich als negativer Gründungsmythos der Berliner Republik gesprochen werden kann, formuliert das von mir forcierte Projekt gegenwärtig einen Deutungsmachtkonflikt in der Gegenüberstellung des Phänomens der postheroischen Gesellschaft(Münkler) und ihrer Betonung der Notwendigkeit von Erinnerung respektive ihrer vermeintlichen Abgeklärtheit und Lernkompetenz hinsichtlich der Vergangenheit einerseits und eines (rechten) Verschwörungsmythos andererseits, welcher die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Postnazismus als Komplott gegen die Deutschen und ihre kulturelle, politische und identitäre Selbstbestimmung deutet.

Forschungsinteressen

Forschungsinteressen

Konstruktion, Struktur und Funktion kollektiver Identität und Erinnerung

Politische Ideengeschichte

Politische Mythen

Geschichtspolitik

Berliner Republik

Kritik des Antisemitismus

Ideologiekritik

Postkonfliktdynamiken

Staat und Religion

Werdegang

Werdegang

2010 - 2015 Studium der Politikwissenschaft und Geschichte (Bachelor) an der Universität Rostock

2015 - 2017 Studium der Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Area Studies (Master) an der Universität Rostock
- Sommersemester 2016 Forschungsaufenthalt an der Uniwersytet Szczeciński

Seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am GRK "Deutungsmacht" /Promotion im Fach Politikwissenschaft