Heiner Hastedt

Heiner Hastedt

Zur Macht der Semantik. Grundbegriffliche Klärungsversuche der ‚Deutungsmacht‘

„Das Wort ward Fleisch“ präsentiert am Anfang des Johannesevangeliums eine selbstgewisse Formulierung der Macht der Semantik. Dass Worte und überhaupt semantische Gehalte Wirkung und Macht in der Realität entfalten, ist in der europäisch-abendländischen Zivilisation lange unbefragt geblieben. Mit der modernen Unterminierung von immer mehr Selbstverständlichkeiten verliert auch die Macht der Worte und der Semantik überhaupt ihre Unbefragtheit. Thomas Hobbes legt eine Theorie der Macht vor, die ganz nebenbei auch die überlieferte aristotelische Semantik obsolet macht und der Lächerlichkeit preisgibt. Seiner Radikalität wollte zunächst kaum jemand folgen, aber der Spaltpilz befällt doch nach und nach die selbstverständliche und unbefragte Bezogenheit von Deutung und Macht. Mit Karl Marx und mehr noch mit Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud werden semantische Gehalte zu Ideologien, die sich machttheoretisch auch ohne jene beschreiben lassen.
„Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es einem Fragenden erklären soll, weiß ich es nicht.“ Was Augustinus in seinen Confessiones für die Zeit notiert, gilt auch für die Deutungsmacht: Die Substantivreihung von Deutung und Macht kann auf unmittelbare Evidenz setzen, die schnell in Schwierigkeiten gerät, sobald man begriffsklärend anfängt, über Deutungsmacht mit philosophischen Mitteln zu reflektieren. Theoretische Schwierigkeiten mit dem Begriff der Deutungsmacht lösen die Ausgangsevidenz auf, wenn man sich vergegenwärtigt, dass „Deutung“ in der hermeneutischen Verstehens- und „Macht“ in einer soziologisierenden Erklärungstradition stehen. Kann es vor diesem Hintergrund überhaupt eine rein philosophisch-begriffliche Klärung der „Deutungsmacht“ geben oder lediglich eine reflektierte Benutzung des Begriffs in empirienahen Kontexten? Um zu erörtern, ob Worte (und semantische Gehalte) als Deutungen die Macht haben, die Welt zu verändern, lässt sich eine doppelte Denkbewegung ausführen: Zum einen drängt sich eine Auseinandersetzung mit Positionen auf, die meinen, auf Semantik machttheoretisch verzichten zu können. Zum anderen empfiehlt sich die Analyse und Kritik von philosophischen Modellen, die Macht und Semantik neu aufeinander beziehen und das Verhältnis so positiv klären wollen.
Mit der neuzeitlichen Freisetzung der theoretischen Neugierde entsteht ein reduktiver Sog, der immer stärker monistische Welterschließungsmodelle begünstigt. Dies gilt auch für das Verhältnis von Macht und Deutung. Wenn ein Anti-Aristoteliker wie Thomas Hobbes, der nur die mechanistisch-materialistische Seite des Cartesianismus ausbaut, den Menschen allein als zweckrationalen Interessenmaximierer versteht und die traditionellen Sinn-Kontexte überwindet, liefert er ein Muster für neuzeitliche Auflösungsversuche der Semantik als eigenständige Dimension. Dieser Versuch führt auf direktem Wege zu Carl Schmitt als Hobbes-Anhänger im 20. Jahrhundert. Für ihn entsteht die Macht der Deutung aus rein setzender Dezision. Sich im Medium der Worte aufeinander zu beziehen und sich auseinanderzusetzen wird obsolet. In der breiten Geschichte der Ideologiekritik mit Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud als ihren Klassikern dominiert das Interesse an dem hinter der Semantik zu Entdeckenden – sei es als ökonomische Klassenlage, Leben oder Unbewusstes verstanden. Deutungen sind eben nur vorgeschoben. Auch soziologisierende Machtdeutungen wie die von Max Weber neigen zum Semantikverzicht, wenn die Macht der Deutung semantikextern auf Charisma oder auf sozialen Bezüge wie Institutionalisierungen, aber auch auf Gewalt und Herrschaft bezogen werden.
Um der semantikverzichtenden Tendenz zu entkommen, sind Untersuchungen hilfreich, die nachweisen, dass auch Semantikverächter gegen ihre Absicht den Verzicht nicht systematisch hinbekommen. Steht hinter dem vermeintlich rational eingeführten „Leviathan“ bei Hobbes nicht doch eine Narration? Haben die Ideologiekritiker nicht Schwierigkeiten mit der Selbstanwendungsfigur, so dass sie zwangsläufig zwischen guten und schlechten Reduktionen unterscheiden müssen? Ist nicht Max Weber neben dem nüchternen Machttheoretiker auch der verstehende Soziologe, der Worte sehr ernst nimmt? Zeigt sich nicht eine Neueinschätzung bei syntaxorientierten Programmen der Künstlichen Intelligenz, dass man in der Programmierung doch nicht vollständig auf Sinn verzichten kann? Sind die größten Reduktivisten unter den Neurobiologen nicht Wissenschaftlicher, die uns Sinn-Geschichten „aus der Sicht des Gehirns“ (Gerhard Roth) erzählen?
In der Gegenbewegung zu einer Reduktionsstrategie ist zunächst Paul Ricœur mit seiner spezifischen Lesart von Freud besonders interessant, weil er eine Form der Ideologiekritik in die Welt der Interpretationen zurückholt. Deutungen entfalten Macht als Symbole mit einem Doppelsinn, der interpretationistisch erschließbar ist. Das Triebschicksal eines Menschen ist im Medium der Deutungen bearbeitbar, so dass Deutungen Veränderungsmacht haben: Trieb-Schicksale von Menschen werden für Ricœur zu Sinn-Schicksalen. Nach Ricœur können Deutungen Menschen also verändern. Selbst das Körperliche einbeziehende psychische Verletzungen sind durch die Macht der Worte veränderbar. Indem ein Therapeut Deutungen anbietet, kann der Patient in Auseinandersetzung damit heil werden – wo Es war, soll Ich werden. Kommt allerdings hierin nicht ein zu starker Deutungsoptimismus zur Geltung? Schon Susan Sonntag hat in „Gegen Interpretation“ dagegen Front gemacht und diese allgemeine Skepsis dann gegen psychosomatische Krebsdeutungen gerichtet. Menschen mit Krebsdiagnosen unterliegen demnach einer doppelten Tragik, insofern sie nicht nur diese Krankheit haben, sondern sich auch noch dem Verdacht aussetzen, aufgrund von psychischen Unzulänglichkeiten daran selbst schuld zu sein. Gegen die Überlastung der Deutungen muss daher ein Moment der Widerständigkeit des Leiblichen und des Körperlichen sowie generell eines Außen gedacht werden, dass durch Deutungen nicht einfach zum Verschwinden gebracht werden kann. Ähnlich wie bei Ricœur lohnt die Auseinandersetzung mit weiteren französischen Gegenwartsphilosophen wie Michel Foucault mit seiner Machttheorie und Pierre Bourdieu mit seiner Erörterung des Habitus. Beide Theoretiker wollen die Semantik beibehalten, ohne naiv von der Macht zu schweigen. Dementsprechend kann das Potential dieser französischen Philosophen genutzt werden, um analytisch die Eigenständigkeit der Semantik zu begründen.

Philipp Stoellger

Philipp Stoellger

Deutungsmachttheorie in theologischer Perspektive: Gottes Wort als Deutungsmacht

Theologie ist Machttheorie (wie im Dialog mit den philosophischen und soziologischen Machttheorien zu profilieren ist), die als Deutungsmachttheorie weiterentwickelt werden kann. Die Konflikte um Gottes Allmacht provozierten (konfliktive) Machttheorien, die vom ersten Artikel aus entwickelt wurden (creatio ex nihilo), die ausdifferenzierter trinitarisch, christologisch und rechtfertigungstheologisch bestimmt werden können.
Die Konflikte um Gottes Allmacht sind Deutungskonflikte von theistischem Allmachtsbegriff und antitheistischer ‚Ohnmachtstheorie‘. Am Ort des Gottesbegriffs geht es darin um Deutungskonflikte auf mehreren Ebenen: Ob Gott das theistische Prädikat der Allmacht zukommt oder ob u.a. aus christologischen Gründen dieses Prädikat aufzugeben oder umzuformen ist; ob Macht ‚gut oder böse‘ ist, also die theologisch-ethische Frage nach der semantischen Dis-/Qualifizierung von Macht. Zugleich geht es um einen Konflikt der theologischen (und religionsphilosophischen) ‚Systeme‘ bzw. Traditionen, die in den jeweiligen Positionen manifest werden. Gottes Macht in Gestalt von Gottes Wort als Deutungsmacht zu begreifen, kann einerseits die Machtimplikationen dieses Wortes und seiner Theologien explizieren, andererseits die irreduzible semantische Verfasstheit von Gottes Macht präzisieren. Sofern die Macht des Wortes deutungsmachttheoretisch mehrdimensional verfasst ist (Urheber, semantische Bestimmtheit, Performanz, Medien, Re-/Präsentation, Rezeption, Wirkungsgeschichte etc.), lässt sich die Frage nach dem Wie und Woher dieser Wortmacht genauer bestimmen. Dafür kann die hoch konfliktive Auseinandersetzung der zweiten Hälfte des 20. Jh. mit der ‚Wort-Gottes-Theologie‘ wie mit dem hermeneutischen Theorem des ‚Sprachereignisses‘ bis in die Gegenwart analysieren als Konflikte um das Verhältnis von Wort und Macht – am Ort des Gottesbegriffs, der Theologie, der Verkündigung und von Kirche und Gesellschaft. Am (verschieden beschreibbaren) ‚Vergehen‘ der Deutungsmacht des Wortes Gottes (der Theologie des Wortes Gottes, der Verkündigung, der paulinischen Theologie?, des Wortes gegenüber dem Bild s.u.) lässt sich eine Fallstudie zum Vergehen von Deutungsmacht (und der Genese alternativer?) ausarbeiten.
Über diese Deutungsmachtkonfliktanalyse hinaus soll ein Aspekt davon materialtheologisch (und zugleich ‚heilsmedientheoretisch‘) präzisiert und konstruktiv entfaltet werden. Mit der Deutung von Gottes Macht als ‚Freiheit in und aus Liebe‘ wird die Trinitätslehre verständlich als Entfaltung und Horizont der Rechtfertigungslehre: ‚Freiheit aus Liebe‘ ist die Kurzfassung christlicher Freiheit und die Rechtfertigungslehre somit der Logos, der das Ethos aus dem Pathos (der Widerfahrung) der Rechtfertigung expliziert. Die Rechtfertigungslehre als Kriterium und Geltungsgrund anderer Lehren (und der Schriftselektion) ist allein als Machtwort unterbestimmt, wenn nicht ihre pragmasemantische und medienkritische Funktion als Regulativ gesehen wird: Sie ent- bzw. ermächtigt bestimmte Deutungsformen und -praktiken. Sie prätendiert dabei, nicht gemachte, sondern durch Gott im Medium der Schrift gegebene Deutung zu sein (Deutungsermächtigungstheorem). In dieser (Selbst-)Deutung der Rechtfertigungslehre liegt eine Ambivalenz: Nicht dem Zirkel des Gemachtseins von Deutung entkommen zu können (analog dem hermeneutischen Zirkel). Dagegen essentialistisch zu argumentieren oder umgekehrt relativistisch zu werden, würde sie entsematisieren oder als alternativlose Deutung isolieren. Sie ist ein Deutungsmachtregulativ für Theologie und Kirche im Denken, Sprechen und Handeln. Deswegen hat sie auch deutungsmachtkritisches Potential gegenüber Theologie und Kirche, wie z.B. anhand der polemischen Barth- oder Hermeneutikkritik untersuchen wäre: Wer spricht, gegen wen, woher und mit welchem ‚theologiepolitischen‘ Deutungsmachtanspruch?