Eckart Reinmuth

Eckart Reinmuth

Deutungsmächte im Konflikt: Artikulationen des Politischen im frühen Christentum

Das frühe Christentum artikulierte sich in den religiösen und politischen Kontexten konfligierender Mächte, die sich durch Prozesse des Deutens hegemonial verstandener Wirklichkeit Geltung verschafften. Deutung und Macht waren eng korreliert; Deutungsmacht basierte auf Semantiken, die als Narrationen explizierbar (HASTEDT) und meist auf ‚mythische‘ Vorgaben (WODIANKA, BIZEUL) bezogen waren. Frühchristliche Deutungsprozesse hegemonial dominierter Wirklichkeit partizipierten in Widerspruch und Anknüpfung an diesen Konstruktionsbedingungen von Deutungsmacht. In diesen Prozessen werden Artikulationen des Politischen erkennbar, insoweit mit dem Begriff des Politischen das Fraglichwerden gesellschaftlicher Bedingungen des Menschseins thematisiert werden kann, das im politischen Handeln sowohl aufbricht als auch entschieden wird. Vor der Spannung zwischen der tatsächlichen Machtlosigkeit frühchristlicher Gruppen und den universalen Geltungsansprüchen ihrer jeweiligen Interpretationsarbeit wird deutlich, dass entsprechende Interpretationsprozesse Deutungen ohne hegemoniale Macht konstruieren. Sie bieten jedoch gegen die vielfältigen Repräsentanzen dieser Macht überbietende Autorisierungen auf, die überwiegend auf literarischen Konventionen des antiken Judentums basieren. Über verschiedene Ausprägungen hier entwickelter Offenbarungsverständnisse wird Deutungsmacht konstruiert, indem die Jesus-Christus-Geschichte unter legitimierendem Bezug auf die biblischen Schriften Israels interpretiert wird. Frühchristliche wie frühjüdische Texte setzen diese Schriften als bestimmende Deutungsmacht voraus. In beiden Textgruppen kann die Agonalität analysiert werden, in der sich die aktualisierende Interpretation biblischer Texte vollzog (rewritten bible, Intertextualität, Autorisierungsstrategien usw.). Der in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts entstandene Liber Antiquitatum Biblicarum (Pseudo-Philo) zeigt exemplarisch, wie sich unterschiedliche Diskurse des frühen Judentums einschließlich ursprünglich hellenistischer Deutungsmuster in der Deutung von Geschichte angesichts einer als katastrophisch erlebten Zeitgeschichte konflikthaft niederschlagen. In seiner Perspektive werden entscheidende Voraussetzungen für die Konstruktion von Deutungsmacht in frühchristlichen Texten erkennbar. Sie manifestieren sich in den Texten u.a. in performativen Strategien (imaginierte Gewalt, Komik, subjektkonstitutive Adressierungen usw.), zu denen auch die metaphorische Kommunikation machthaltiger bzw. politischer Wirklichkeit gehört. Die metaphorische Kommunikation politischer Wirklichkeit und ihrer zeitgenössischen theoretischen Reflexion in neutestamentlichen Schriften zeigt u.a. eine katachrestische Verwendung dominant religiös-politisch geprägter Begriffe. An ihr lässt sich beobachten, wie in frühchristlichen Diskursen Deutungsmacht beansprucht wurde, die hegemonialen Deutungsmächten zuwiderlief und zugleich an ihnen partizipierte. Vergleichbare Konflikte wurden in frühchristlichen Texten auch mit Mitteln der ironischen Kommunikation bearbeitet. Der ironische Kontrakt schließt die Überlegenheit, die die Kommunikationspartner gegenüber textinternen ‚Dritten‘ teilen, ein (‚komisches Gefälle‘) und gehört zu den konstituierenden Elementen antiker Komikauffassungen. Antike Spielarten literarischer Komik enthalten virtuelle Machtansprüche, Inversionen, Umbesetzungen, mit denen jeweils alternierende Deutungsmacht mit politischen Implikationen figuriert wird. In dieser Perspektive lässt sich zeigen, welche Bedeutung Elemente literarischer Komik bzw. ironischer Kommunikation für die diskursive Präsenz gesellschaftlich-politischer Wirklichkeit in neutestamentlichen Texten haben. Das neutestamentliche Projekt leistet einen Beitrag zur aktuellen Diskussion um eine Ethik der Interpretation und eine kritische Hermeneutik.
Mögliche Dissertationsthemen: 1. Deutungsmachtkonflikte im Liber Antiquitatum Biblicarum; 2. Metaphorische Kommunikation des Politischen im Neuen Testament; 3. Ironische Kommunikation. Politische Implikationen literarischer Komik (z.B. Lukanisches Doppelwerk, Paulusbriefe); 4. Performativität, Gewalt und Deutungsmacht im Hebräerbrief Vernetzung mit anderen Projekten: Hastedt, Hock, Bizeul, Wodianka

Gesa Mackenthun

Gesa Mackenthun

Die Geister aus der Tiefe von Raum und Zeit: Kontrapunktische Schöpfungs- und Jenseitsnarrative in den USA im 19. Jahrhundert

Das Projekt betrachtet das belief system des amerikanischen Spiritualismus als ein Diskursfeld, in dem sich verschiedene kulturelle Konflikte des neunzehnten Jahrhunderts bündeln. Viele Zeitgenossen oszillierten insbesondere in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zwischen religiöser Orthodoxie und privatem Transzendentalismus, in dem die Prinzipien der persönlichen Verantwortung und der deistisch inspirierten Verbundenheit mit der Natur im Vordergrund standen. Der soziokulturelle Hintergrund ist durch einschneidende gesellschaftliche und technologische Transformationen gekennzeichnet: Neben der rapiden Veränderung von Politikverständnis und Öffentlichkeit im Zuge der Jacksonian Democracy, dem sozialen Wandel angesichts von Industrialisierung, Urbanisierung und Masseneinwanderung, den revolutionären technologischen Erfindungen von Fotografie (1830er), Telegraf (1844), Dynamit (1866) und Telefon (1876) und den aggressiven öffentlichen Auseinandersetzungen über Sklaverei, Westexpansion und imperiale Kriegshandlungen (Mexikanisch-Amerika¬nischer Krieg 1846-48) wurde die amerikanische Gesellschaft seit 1848 von einer Reihe aufsehenerregender spiritualistischer Ereignisse erschüttert, die die Deutungsmacht der etablierten Kirchen massiv in Frage stellten. In seiner Frühphase und in Abgrenzung zu seiner späteren Trivialisierung handelte es sich bei dem angloamerikanischen Spiritualismus um eine seriöse säkulare religiöse Praxis, die eine signifikante Konkurrenz zu den gewachsenen religiösen Strukturen und Überzeugungen darstellte (Hochgeschwender). Aufbauend auf den Theorien Swedenborgs (1688-1772) über das Verhältnis zwischen Diesseits und Jenseits und auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über den Magnetismus (Mesmer), entstand der Spiritualismus aus einer langen Tradition erweckungsreligiöser und evangelikaler Bewegungen in Nordamerika (zuletzt des Second Great Awakening ca. 1790-1820).
Der Erfolg des Spiritualismus wird oft in seinem Potential gesehen, die vielfältigen Krisenerfahrungen des 19. Jahrhunderts durch eine verständliche, beruhigende und Trost spendende Theologie und eine gemeinschaftsbildende religiöse Praxis psychologisch abzufedern. Er verhalf insbesondere weniger gebildeten Bürgerinnen und Bürgern, über den Tod von Angehörigen, vor allem von Kindern, nach dem Bürgerkrieg auch über den Tod zehntausender Ehemänner, Väter, Brüder und Söhne hinwegzukommen. Spiritualistische Sitzungen hatten z.T. den Charakter von Trauer- und Trostritualen. Hinzu kommt eine Demokratisierung und Plebeisierung der Religionsausübung: Abwendung von den etablierten Kirchen und der Vermittlerfunktion ihrer Vertreter; Verwerfung der Autorität der Bibel sowie der Konzepte von Sünde, Hölle und Jüngstem Gericht; und Hinwendung zu urchristlichen Vorstellungen von communitas (Carroll). Unter diesem Aspekt kann die Praxis der Séance als eine als spirituelle „Batterie“ und, mit Stanley Fish, als eine neue Form der emotionalen Deutungsgemeinschaft gesehen werden. In Séancen wurde die Rede der Toten gemeinsam interpretiert; die Autorität als Gemeinschaft wurde durch die Ermächtigung durch die Toten konstituiert.
Insbesondere bereitete der Spiritualismus Frauen die Möglichkeit, über ihre Funktion als Medium oder in öffentlicher Trance-Rede ein Maß an gesellschaftlicher Autorität und Deutungsmacht zu erlangen, die ihnen der vorherrschende Geschlechter-Kodex versagte (Braude). In seiner radikalen Ermächtigung von Frauen zu sprechenden Subjekten (viele dieser Frauen waren zugleich oder danach in der Frauenrechtsbewegung aktiv) rekurrierte der Spiritualismus jedoch paradoxerweise auf die patriarchalen Tugenden der idealen Mittelklassefrau: Die weiblichen Medien verfügten über eine ambivalente Agenz, denn es war nicht sicher, ob sie selbst die Autorinnen ihrer Worte waren oder vielmehr nur das Vehikel, durch das die Geister der Toten sprachen (Braude).
Im Zentrum der Untersuchungen im Rahmen des Graduiertenkollegs soll zum einen die soeben skizzierte diskursive Verflechtung des belief system Spiritualismus mit dem emergenten Deutungsmachtsystem des Feminismus stehen. Bereits die Gleichzeitigkeit ihrer Gründungsmomente signalisiert ihre Wechselseitigkeit: Sowohl die Seneca Falls Convention mit ihrem berühmten Gründungsdokument, der „Declaration of Sentiments,“ als auch die sog. Rochester Rappings der Fox Sisters, die die spiritualistische Bewegung begründeten, fanden im Jahr 1848 statt. Viele ProtagonistInnen der politischen Reformbewegungen (neben der Frauenbewegung vor allem der Abolitionismus) sympathisierten mit spiritualistischen Ideen. Die Überschneidung zwischen Spiritualismus und Frauenbewegung besteht in der beiden Bewegungen gemeinsamen Zentralität der Frau als öffentliche Rednerin. Das belief system Spiritualismus kann gewissermaßen als ‚Brandbeschleuniger‘ der ersten Frauenbewegung betrachtet werden. Diese Zusammenhänge sowie ihre literarische Repräsentation sind zum Teil bereits recht gut erforscht (u.a. Carroll, Braude, Blum). Jedoch gibt es wenige Untersuchungen zur rhetorischen und performativen Verfasstheit spiritualistischer Artikulationen. Ziel des Projekts soll es daher unter anderem sein, diese textuell überlieferten Stimmen (z.B. in den Bänden und Ausgaben des Banner of Light, des Spiritual Telegraph, des Herald of Progress und des Radical Spiritualist) einer genauen Textanalyse zu unterziehen und die Emergenz „subalterner“ Stimmen (Spivak) anhand von Fallbeispielen nachzuzeichnen. Zu fragen wäre z.B., wo die Stimmen der Geister aus dem Jenseits nicht nur dem gesellschaftlichen Diktat der „True Womanhood“ widersprechen, sondern wo sie womöglich auch alternative religiöse Vorstellungen entwickeln. Auch die Frage danach, ‚wer spricht‘, verdient eine eingehendere Untersuchung. Hierfür wäre eine Analyse der überlieferten Magazin-Artikel, Leserbriefe und der Protokolle wissenschaftlicher Untersuchungkommissionen erforderlich. Des weiteren könnten diese Dokumente mit zeitgenössischen literarischen Darstellungen spiritualistischer Praktiken verglichen werden (z.B. Nathaniel Hawthorne, Henry James, Elizabeth Phelps, S. Weir Mitchell).
Der zweite große Untersuchungskomplex ergibt sich aus den bisher kaum beachteten Verflechtungen zwischen dem Glaubenssystem des Spiritualismus und dem gleichzeitig entstehenden belief system des Evolutionismus (der 1859 in Darwins Origin of Species kulminierte) und der damit verbundenen Neukonzeption des allgemeinen Zeit- und Geschichtsverständnisses. Entdeckungen in den Bereichen Biologie (Wallace, Darwin) und Geologie (Lyell) hatten eine radikale Revision des christlichen Zeitverständnisses eingeläutet, deren emotionale Auswirkungen aus heutiger Sicht nur sehr schwer nachvollziehbar sind. Zwar war die Berechnung des Schöpfungszeitpunkts durch den Anglikanischen Erzbischof James Ussher aus dem Jahr 1650 (nach der die Erschaffung der Erde am 23. Oktober 4004 v. Chr. um 9:30 stattgefunden hatte), auch schon durch frühere Naturwissenschaftler faktisch widerlegt worden (Gould, Repcheck). Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts steigerte sich die Inkongruenz zum erbitterten Deutungskonflikt zwischen bibeltreuen Christen und etablierten Kirchen auf der einen Seite und deistisch eingestellten Naturwissenschaftlern auf der anderen – ein Konflikt, der dank der inzwischen massenhaft vorhandenen wissenschaftlichen Magazine und populären Journale die gesamte lesende Gesellschaft erfasste. Zahlreiche Autoren – professionelle Wissenschaftler und populäre Schreiber – entwickelten alternative bzw. kontrapunktische Geschichts- und Schöpfungsnarrative zum Buch Genesis sowie verschiedene Versuche, naturwissenschaftliche und christliche Narrative in Einklang zu bringen – d.h. zwei konfligierende Deutungssysteme miteinander zu versöhnen. Während der Spiritualismus also die Stimmen aus dem Jenseits in die Wohnzimmer holte, begannen Wissenschaftler, Himmel, Schöpfung und Erde zeitlich dem menschlichen Bewusstsein zu entrücken. Bei der Lektüre des Wissenschaftsdiskurses zu „deep time“ und zur Vorgeschichte der Menschheit stellt sich ein interessanter, aber vielleicht wenig überraschender Nebenbefund ein: Viele wichtige Vertreter naturwissenschaftlicher Forschung (u.a. Darwins Rivale, der Naturforscher Alfred Russel Wallace in den 1850ern; der Chemiker Robert Hare in den 1850ern; der Mediziner und Philosoph William James in den 1880ern) sympathisierten öffentlich mit den Lehren des Spiritualismus und glaubten an die Möglichkeit der Kommunikation mit dem Jenseits und seinen Bewohnern. Zeitgenossen wie Mark Twain und Arthur Conan Doyle lehnten zwar den Sentimentalismus vieler spiritualistischer Strömungen ab, bekannten sich jedoch zum Glauben an die Materialität einer jenseitigen Welt (Blum 172 ff. passim). Die Attraktivität des Spiritualismus für Vertreter der Naturwissenschaften erklärt sich aus einem weiteren Aspekt dieses äußerst heterogenen belief system: der Behauptung der wissenschaftlichen Nachweisbarkeit der elektrischen Energie (ähnlich des bereits bei Mesmer anzutreffenden magnetischen „Fluidums“), die die sichtbare mit der unsichtbaren Welt verbindet (Carroll 70f.).
Insbesondere das letztgenannte Problemfeld bietet vielfältige Möglichkeiten für weitere Forschungen. So könnte anhand einer Lektüre bekannter und heute unbekannterer naturwissenschaftlicher Texte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (z.B. zum Ursprung der Menschheit und zur Erdgeschichte) ein genauerer Eindruck der Verflechtungen zwischen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und (quasi-) religiösen Ideen nachgespürt werden. Interessant scheint auch eine intensive Auseinandersetzung mit den Übergängen zwischen spiritualistischen Glaubensinhalten und den Anfängen der Psychologie in den USA (z.B. bei William James; siehe Richardson, Blum) bzw. zur Konkurrenz dieses heterogenen Diskursfeldes mit der damals in den USA extrem ‚monolithisch‘ erscheinenden Schulmedizin. Zu fragen wäre u.a., ob sich Evolutionismus und Spiritualismus in einem Konkurrenzverhältnis zueinander verhielten oder ob sie ihr jeweiliger Antagonismus zu tradierten Raum- und Zeitnarrativen vielmehr strategisch verband – handelt es sich doch um die Koexistenz eines belief system, das den Verlust zeitlicher Nähe zum Schöpfungsakt beinhaltet (geologischer Zeitbegriff) mit einem belief system, das tentativ die Auflösung der Grenzen zwischen den Reichen der Lebenden und der Toten propagierte. Wurde so die naturwissenschaftlich konstatierte zeitliche Ferne zum göttlichen Schöpfungsakt an sich durch den koexistenten Glauben an eine größere Präsenz der Verstorbenen kompensiert? War die materiell oder psychisch erfahrene Nähe zu den jüngst Verstorbenen ein emotionaler Ausgleich für die furchterregende ‚Unheimlichkeit‘ und Unendlichkeit der Welt? Welchen Aufschlus geben die vorhandenen Dokumente über die Krisenhaftigkeit dieser Verschiebungen der Deutungsmacht? Lassen sich ähnliche Diagnosen für Europa (England, Deutschland, Frankreich) stellen? Und nicht zuletzt eine wichtige Frage im multikulturellen Amerika: Wie wurden die öffentlichen Debatten um Spiritualismus und geologische Zeit von Nicht-Weißen rezipiert; welche Interferenzen gab es zwischen Spiritualismus und indigenen bzw. (pseudo-) orientalischen religiösen Vorstellungen (Kucich, van der Veer)? – Von den Dissertationsprojekten werden diskurs- und repräsentationskritische Analysen erwartet, die eine gute Kenntnis der amerikanischen Öffentlichkeit (Medien) des Untersuchungszeitraums mit einem kritischen, kontrapunktischen Blick für textuelle Feinheiten (Metaphorik, Narrativik, Rhetorik, Gattungsspezifik) vereinen.

Stephanie Wodianka

Stephanie Wodianka

Mythos Moderne, moderne Mythen und kulturelles Gedächtnis

Phänomene des Mythischen in der Moderne sind – ob man ihren Beginn auf die Renaissance/Frühe Neuzeit, die Klassik (in Abgrenzung zur Antike), die Aufklärung, die Französische Revolution oder ‚um 1800‘ datiert – seit deren Beginn Gegenstand von Deutungskonflikten. Dieser Befund zielt nicht nur auf die Deutung und Deutbarkeit konkreter Mythen (z.B. Jeanne d’Arc, Napoleon, Stalingrad, Résistance, auch die Moderne selbst). Deutungskonflikte beziehen sich zugleich generell erstens auf den generellen Status des Mythischen im kulturellen Gedächtnis und zweitens auf die Frage, welche Phänomene der Moderne in Fremd- oder Selbstbezeichnung als Mythen zu bezeichnen sind. Dadurch implizieren die Deutungen eines Phänomens ‚als Mythos‘ die Zuschreibung eines bestimmten Status im kulturellen Gedächtnis, die je nach Mythosbegriff z.B. auf den Ausschluss aus bestimmten Diskursen (z.B. aus dem historisch-faktischen) hinwirken oder aber kulturelle Relevanz signalisieren sollen (Mythos und Normsetzung, Sinngebung, Wertetradierung, kollektive Identität): Deutungskonflikte um das Mythische sind in diesem Sinne von Deutungsmachtkonflikten motiviert.
Seit den 1950er Jahren lässt sich im Gefolge von Roland Barthes’ „Mythes, aujourd’hui“ (1957) ein diskursives Spannungsverhältnis feststellen zwischen alltagssprachlich-un¬scharfer (alles ist „zum Mythos geworden“ oder etwas ist „nur ein Mythos“) und kulturelitär-restriktiver Verwendung (alte Mythen) des Mythosbegriffs, die den Mythos in Abgrenzung vom populären Sprachgebrauch auf einen exklusiven antiken oder allenfalls germanisch-keltischen Entstehungszeitraum beschränkt und damit ‚neue Mythen‘ als wissenschaftlichen Gegenstand ausschließt. Wer die Deutungsmacht über das Vorliegen und über den Status des Mythischen hat, wird in der Moderne bzw. in den Modernen diskursiv, historisch, medien- und kulturspezifisch verhandelt. Diese Verhandlungen gilt es ‚hinter‘ den semantischen Deutungen und Umdeutungen von konkreten Mythen sichtbar zu machen.
Der von Roland Barthes konstatierten Konjunktur des Mythischen in der Moderne geht dessen dreifache Toterklärung voraus, die die modernebezogenen Deutungen von „Mythos“ und die Perspektiven auf Mythos und Gedächtnis strukturiert und inspiriert hat: Jene Moderne, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Sinne einer neuen Wahrnehmungsästhetik und eines erwachenden Nationalbewusstseins anzusetzen ist, beginnt mit der Rede vom Ende des Mythos, die Aufklärung scheint zunächst ‚dem Anderen der Vernunft‘ ein Ende gesetzt zu haben – aber nur scheinbar, denn eine Entwicklung ‚vom Mythos zum Logos‘ schien schon Aufklärern wie Giovanni Battista Vico (Principii di una scienza nuova, 1725) als simplifizierend und unzutreffend. Selbst und gerade das Postulat der Unvereinbarkeit von Mythos und Moderne im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert führte zu einer neuen, vor allem in Literatur und Philosophie zu verortenden Reflexion über Mythos und Mythologie in ihrem Verhältnis zu Ästhetik, (christlicher) Religion und Geschichte (Jamme 2006, Léonard-Roques/Valtat 2003; Uerlings/Vietta 2006), bevor Walter Benjamin und Sigmund Freud als Mythologen und Mythen der Moderne rezipiert wurden.
Das zweite ‚Ende des Mythos‘ in der Moderne fand als Resultat der Erfahrungen mit den Mythosfunktionalisierungen des Nationalsozialismus und Faschismus statt: Sie führten zu einem politisch motivierten ‚Mythos-Verbot‘ und einer Tabuisierung des Mythischen als Begriff und Phänomen nach dem Zweiten Weltkrieg (vgl. Bohrer 1982, 10), das sich insbesondere durch Bultmanns Schrift „Neues Testament und Mythologie“ (1941) und Adorno/Hork¬heimers „Dialektik der Aufklärung“ (1944) theoretisch und philosophisch begründet sah. Hier wurden Deutungsmachtkonflikte über den Status des Mythischen als belief system in seinem Verhältnis zu Religion und Geschichte besonders virulent.
Die Deutungskonflikte des 19. und 20 Jahrhunderts in Bezug auf „Mythos“ wurzeln einerseits im Streitpunkt, ob dieser als ‚Inhalt‘ des kulturellen Gedächtnisses (Narrationen, aber auch Wissen um Funktionieren und Status des Mythischen) oder als Erinnerungsmodus und somit als Wahrnehmungsphänomen aufzufassen ist. Andererseits beziehen sich die Konflikte auf die Relevanz des Mythischen für die jeweiligen divergierenden Konstruktionen kultureller Gedächtnisse, so dass die Selbst- bzw. Fremdbezeichnung als ‚Mythos‘ kulturelle bzw. diskursive Inklusion oder Exklusion bedeuten kann. Die Deutungsmacht über Mythen ist nicht ohne die Deutungsmacht über den kulturellen Status des Mythischen (z.B. im Verhältnis zu Geschichte, Religion, Spiritualismus – s. Jeanne d’Arc als Nationalheilige, stimmenhörende Ketzerin und amazonenhafte Kriegerin) zu erhellen.
Während die Deutungen und Umdeutungen einzelner Mythen in den letzten Jahrzehnten auf reges Forschungsinteresse gestoßen sind (z.B. Fuchs/Neumann 2008), steht die Erforschung der Deutungskonflikte und -machtdiskurse (z.B. zwischen Wissenschaft(en), Literatur, Populärkultur) um Begriff und Status des Mythischen in der Moderne in seinen Auswirkungen weitestgehend aus. Eine systematisierende Metaperspektive auf mythologische Diskurse als Deutungsmachtdiskurse und auf ihre Vernetzung mit Mythendeutungen ist ein Desiderat. Die hier profilierten Dimensionen von Deutungskonflikten umfassen die Frage nach spezifischen Kanonisierungsprozessen von Mythen und des Mythischen in der Moderne und den damit verbundenen Bedeutungs- und Statuszuschreibungen: Wie diese Deutungskonflikte mit denjenigen Deutungsprozessen verknüpft sind, die zur Kanonisierung und somit zur Binnenstrukturierung und Reduktion moderner Mythen führen, soll anhand exemplarischer Untersuchungen Erkenntnisinteresse des Forschungsschwerpunktes sein. Auch die damit im Zusammenhang stehende Frage, inwiefern Mythen und das Mythische nicht nur widerstreitende Deutungen evozieren und exponieren, sondern als Deutungs-Katalysatoren im Sinne einer Relativierung, Vermittlung, Verschleierung oder Lösung von Deutungsmachtkonflikten wirken können und inwiefern mythologische Diskurse der Moderne diese Dimension reflektieren, stand bisher kaum im Fokus des Forschungsinteresses. Inwiefern das Mythische in der Moderne nicht nur Diskurse aufgerufen, sondern diese auch in Deutungskonflikt und (lösenden) Deutungsdialog gesetzt hat, ist systematisch und historisch zu untersuchen.